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Von Jünglingen und Jungfrauen -
Kleine Geschichte der KjG Walldorf
 

von Marten Kopf


Zwar feiern wir in diesem Jahr ihr 100jähriges Bestehen, aber man darf sich die Gründung der KjG nicht als ein ganz plötzlich eingetretenes Ereignis vorstellen; selbstverständlich hat es auch vorher schon eine katholische Jugend gegeben, nur eben weit loser oder besser: weniger selbstständig organisiert, als das ab dem Jahr 1912 der Fall war.

So viel steht fest, die KjG, wie wir sie heute kennen, war in ihren nunmehr 100 Jahren einem erheblichen Wandel unterworfen; einem Wandel, den man schon an den Namen erahnen kann, die sie in dieser Zeit trug – denn „Katholische junge Gemeinde" hieß sie während der meisten dieser 100 Jahre nicht.

 
Die Anfänge: Der „Katholische Jünglingsverein" entsteht

Tatsächlich liegen die Anfänge im 1898 aus der Taufe gehobenen „Katholischen Männerverein" begründet, der damals in seinen Statuten die „Sammlung der Kath. Männer in Walldorf zur

    Pflege einer kräftigen Religiosität und Sittlichkeit. [...]
    Förderung des Interesses am Gemeindewohl und soziale Hebung besonders des arbeitenden Standes.
    Pflege des geselligen Lebens: Gesang, humoristische Ansprachen u. ä." [sic]

als seinen Zweck anführt. Dem Verein standen der jeweilige Pfarrer und dessen Stellvertreter vor, die Mitgliederzahl stieg in den darauffolgenden Jahren von 80 (im Jahr der Gründung) schnell auf über 120.

Zugegeben, viel ist über die Aktivitäten des „Männervereins" nicht überliefert; das liegt vor allem daran, dass der Verein mehr eine Art übergeordneter Zusammenschluss von Männern aus bereits bestehenden Gruppierungen der Gemeinde darstellte: Constantia und Cäcilienverein beispielsweise waren seinerzeit schon lange aktiv.

Sicher ist, dass Jungen und junge Männer – über die Eltern in die Gemeinde ebenfalls involviert – im Laufe der Zeit ein eigenes kleines Grüppchen bilden; man trifft sich vor allem, um gemeinsam Sport zu treiben – und ja, es ging schon damals, zwar nicht nur, aber doch hauptsächlich um: Fußball.

Die Sporttreffs der „Jünglinge", wie man sie nennt, entwickeln sich schnell zu einer ganz eigenen Gruppierung, die sich mehr und mehr verselbstständigt und sich dann schließlich, wir sind im Jahr 1912 angekommen, auch ganz offiziell eigenständig macht.

Der eigentliche Gründungsakt ist protokollarisch leider nicht (mehr) verzeichnet, in seiner kleinen „Vereinschronik" aber – verfasst für die Broschüre zum 60jährigen Bestehen des „Katholischen Jugend- und Jungmännervereins" 1972 – schreibt Hermann Kraus, seinerzeit selbst Gründungsmitglied, über eine Versammlung des Männervereins aus dem Jahre 1914:


„Aus dem Protokoll vom 1. März 1914 ist zu entnehmen, daß in den Vorstand des Kath. Männervereins gewählt wurden: a) Philipp Scholl, Vorstand des MGV Constantia, b) Johannes Braun, Vorstand des Cäcilienvereins, c) Leopold Kaltenmeier, Vorstand des Jünglingsvereins. [...]

Daraus ergibt sich ohne Zweifel, wie auch durch die noch lebenden Gründungsmitglieder Hch. Hess, Hermann Kraus und Ludwig Thome bestätigt wurde, daß der kath. Jünglingsverein (wie er sich bei seiner Gründung nannte) bereits 1912 aus Mitgliedern des Kath. Männervereins und hinzugekommene junge Männer gegründet wurde." [sic; Hervorhebung vom Autor]

60 Jahre KjG Walldorf - Festbankett



Die Gründung dieses „Jünglingsvereins" also ist sie, die Geburtsstunde der heutigen KjG. Und, wie schon erwähnt, im Vordergrund steht der Sport: Betätigungen wie Boxen, Ringen, Turnen, Leichtathletik und Fußball sollen, so die damalige Zielsetzung, das Vereinsleben zu 80% ausfüllen. Mit Erfolg: 1914 schon steht man kurz vor dem Erringen der Jugendfußballmeisterschaft des Verbands Heidelberg/Mannheim, als der Sportbetrieb mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges eingestellt und die gesamte Mannschaft zum Heeresdienst verpflichtet wird. Ein erstes von vielen einschneidenden Erlebnissen – erst nach Kriegsende kann der Verein seine Tätigkeiten wieder aufnehmen.

 
1946: „Jugend- u. Jungmännerverein" und „Jungfrauenkongregation"

Über den folgenden Zeitraum bis 1933 liegen leider keine Aufzeichnungen mehr vor. Fest steht, dass der Verein im Jahr '33 wie so viele andere aufgelöst wird; sämtliche Sportgeräte, Aufzeichnungen und Protokollbücher werden entschädigungslos beschlagnahmt. Erst knapp 13 Jahre später, am 12. Juni 1946, ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, trifft man sich dann zur neuerlichen „Gründungsversammlung". Hermann Kraus schreibt:


„Der Jünglings-, bzw. Kath. -Jugendverein, der im Jahre 1912 so hoffnungsvoll ins Leben gerufen wurde, hat nach schwersten Zeiten für das Deutsche Volk den alten Geist wieder erstehen lassen, dem kath. Menschen eine Heimstätte zu schaffen, in der er nach Recht und Gewissen seine religiösen Pflichten erfüllen kann, sich Rüstzeug für sein späteres Leben anzueignen vermag, um einmal als vertrauensbewußter Staatsbürger jeder Gefahr von innen und außen widerstehen zu können." [sic]


Von dieser seiner Neugründung an firmiert der Verein nun unter dem Namen „Katholischer Jugend- und Jungmännerverein", der weiterhin Treffen organisiert. Neben dem geänderten Namen sind auch die Schwerpunkte der Arbeit anders gesetzt, von Sportarten wie Turnen wird vor allem aus Mangel an Geld für entsprechende Gerätschaften Abstand genommen, stattdessen veranstaltet man Ausflüge, Spiele- und Diskussionsrunden.

Und man beschließt darüber hinaus, in regelmäßigen Abständen Theaterabende zu veranstalten: 1947 kommt „Das weiße Jackett" zur Aufführung und bildet den Grundstein einer Tradition, die sich bis heute ausgesprochen erfolgreich gehalten hat.

KjG Walldorf - Theater - Der Pfarrer von Kirchfeld


Parallel zu den Jungmännern übrigens versammeln sich Mädchen und junge Frauen in einer eigenen Vereinigung: der „Katholischen Jungfrauenkongregation".

 
Nachkriegszeit: Die katholische Jugend organisiert sich

In den folgenden Jahren beginnt die katholische Jugend, sich deutschlandweit zusehends immer besser zu organisieren: Ebenfalls schon kurz nach Kriegsende wird mit dem heute noch existierenden „Bund der Deutschen katholischen Jugend" (BDKJ) ein Dachverband für alle katholischen Jugendorganisationen gegründet, dem sich auch die „Katholische Jungmännergemeinschaft" (abgekürzt: KJG) und die „Katholische Frauengemeinschaft" (KFG) anschließen, diejenigen Organisationen also, denen seinerzeit auch die Walldorfer Jungmänner bzw. Jungfrauen angehören.

Die Treffen, die beide Gruppierungen damals schon regelmäßig für Jungen bzw. Mädchen ab dem Erstkommunionsalter anbieten, firmieren ab Ende der 1950er-Jahre dann auch in Walldorf unter den Namen, die in immer mehr Gemeinden gebräuchlich werden: Jungen treffen sich in der „Jungschar", Mädchen in der „Frohschar".

 
1970 – heute: Die „Katholische junge Gemeinde" entsteht

1970 vereinigen sich die Katholische Jungmännergemeinschaft und die Katholische Frauengemeinschaft in Münster offiziell zur „Katholischen jungen Gemeinde" (KjG). Als Logo dieser neuen Gemeinschaft wird der noch heute gebräuchliche „Seelenbohrer" gewählt, seine Bedeutung erklärt man damals so:

 

„Der Punkt in der Mitte bedeutet Christus, die Frohe Botschaft, das Leben. Der Balken, der sich um den Punkt bewegt, symbolisiert die Menschen, die 'aus der Mitte heraus' versuchen, sich den Problemen zu stellen und Antwort zu geben, und der Pfeil deutet Dynamik an. Sich auf den Boden der Botschaft Christi zu stellen, heißt zugleich, vorwärts zu gehen, Ziele zu verfolgen."


Am 1. April 1974 wird den Walldorfer Jung- und Frohscharmitgliedern der erste Entwurf einer eigenen Satzung zu Abstimmung vorgelegt. Organisatorisch hat sich seitdem vieles verändert, die damals ausformulierten Grundlagen und Ziele aber gelten bis heute unverändert:


„In der KJG schließen sich junge Menschen zusammen. Demokratisch bestimmen sie die Leitung und die Gesellungs- und Arbeitsformen. Sie gehen in Gruppen, Clubs, Arbeits-, Hobby- und Aktionskreisen ihren vielseitigen Interessen nach. Sie finden die personale Begegnung bei Geselligkeit, in Gesprächen, Diskussionen und Aktionen. Durch Erfahrungs- und Gedankenaustausch fördern sie Meinungsbildung und Kritikfähigkeit. Dabei finden sie Orientierung und Anstöße zur Auseinandersetzung mit ihren eigenen Fragen und denen ihrer Umwelt. Der Zusammenschluss junger Menschen in der KJG und die Zusammenarbeit mit den Mitgliedsverbänden des Bundes der Deutschen katholischen Jugend ermöglichen eine wirksame Vertretung in der Öffentlichkeit.

Die KJG hilft jungen Menschen bei der Gestaltung ihres eigenen Lebens. Sie greift Fragen und Probleme der Jugendlichen auf, wie Glaube, Autoritätsverständnis, Beruf und Freizeit. Sie will junge Menschen befähigen, ihren Glauben zeitgemäß zu leben. Sie aktiviert den Willen zur Mitgestaltung der Gesellschaft und der Kirche. Ihre Verantwortung zeigt sich unter anderem in der Bereitschaft zu sozialem Engagement, im Protest gegen jede Art von Ungerechtigkeit, in der Durchsetzung der berechtigten Interessen der jungen Menschen, in der Forderung nach Mitbestimmung in Schule, Beruf, Wirtschaft und Politik, in ihren Bemühungen um den Frieden. Ihre besondere Aufgabe sieht sie darin, das Leben der Pfarr- und Bürgergemeinde bewusst mitzugestalten und an den Verbesserungen ihrer Strukturen mitzuwirken. In diesem Anliegen erklären sich die Mitglieder der KJG solidarisch mit anderen jungen Menschen und suchen die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit ihnen, besonders mit den jungen Christen anderer Kirchen."

Einweihung Jugendräumde der KjG Walldorf 1975Nichtsdestotrotz bleibt die Trennung zwischen Jung- und Frohschar weiterhin bestehen. Auch als am 29. Juni 1975 dann wohl eine der großen Zäsuren ansteht: Die Jungschar bezieht ihre eigenen Räume unter dem St. Peter Kindergarten. Dieser Tag, nicht ganz zufällig auf das Fest der Heiligen Peter und Paul gelegt, wird entsprechend ausgiebig mit einem „Jugendtag" gefeiert.

Diese „Auslagerung", von der Jugend durchaus gewollt und vorangetrieben, hat weitreichende Folgen, trägt sie doch zu zunehmender Eigenständigkeit bei.

Auch die Frohscharmädchen feiern mit, für sie wird das Zimmer unter der Kirche neben dem Pfarrsaal neu renoviert; jede Gruppierung hat nun ihre eigenen Räumlichkeiten.



1986 schließlich wird auch die Trennung von Jung- und Frohschar in Walldorf endgültig aufgehoben, Jungen und Mädchen besuchen jetzt gemeinsame Gruppenstunden und im darauffolgenden Jahr findet in Schelklingen im Alb-Donau-Kreis das erste gemeinsame Zeltlager statt. Die KjG wird zur KjG, wie wir sie heute kennen.

Ab dem Jahr 2000 steht in den Jugendräumen noch mehr Platz zur Verfügung: Die alte Kegelbahn, bis dahin verpachtet, kann jetzt für Gruppenstunden genutzt werden.

Im Zuge des Neubaus des St.-Peter-Kindergartens wird ab 2002 dann der gesamte Keller grundsaniert. Während dieser Zeit bezieht die KjG den von der Stadt Walldorf ausrangierten Sozialamtsbau neben dem Rathaus und richtet sich dort drei Jahre lang ein, bevor zum Ende der Umbauarbeiten im Jahr 2005 die „neuen alten" Räume wieder bezogen werden können und mit einem Festakt eingeweiht werden. Die Räume, während der Sanierung wiederum in Eigenleistung völlig neu gestaltet, erstrahlen in neuem Glanz, aus der alten Kegelbahn sind Gruppen-, Büro- und Lagerräume geworden, ein neuer Medienraum ist eingerichtet und auch die kleine Küche ist gruppenstundengerecht erweitert.

Heute nun zählt die KjG nach wie vor etwa 200 aktive und passive Mitglieder aller Altersstufen und kann, das zeigt sich immer wieder, weit darüber hinaus auf einen breiten Unterstützerkreis zählen. Nach 100 Jahren Jugendarbeit kann man mit Fug und Recht behaupten, halb Walldorf hat sie mal erlebt, die „Schule KjG". Und ja, das darf ein bisschen stolz machen.